Christine Raschke: „Als Working-Mom bin ich die bessere Mom!“

Retrospektiv betrachtet war Christine Raschke schon immer auf der Überholspur. Beim Lernen effizienter. Bei Prüfungen besser. Beim Sport schneller. Bei Zielen fokussierter. Wer (wie ich) gemeinsam mit ihr die Schulbank gedrückt hat, wird jetzt zustimmend nicken – garantiert. Das Tempo nahm sie auch in den folgenden Jahren nicht raus. Sie studierte in Harvard. Sie war als Unternehmensberaterin international unterwegs. Nahm sich dann eine Auszeit und bereiste in 12 Monaten 6 Kontinente und 18 Länder. Seit 2 Jahren ist sie Head of Content & Operations bei einem Fitness-Start-up in San Francisco. Ihr Sohn Bastiaan kam vergangenen Sommer auf die Welt. 3 Monate später war sie wieder zurück im Job. Vollzeit. Ohne die Hilfe von Großeltern – die leben in Wien bzw. Sydney. Aber dafür mit einem großartigen Partner an der Seite. Im Interview verrät sie, wie sie Job und Familie schaukelt, warum sie keine gute „stay-at-home“-Mom wäre und weshalb ihr ein erfüllender Job mittlerweile wichtiger ist, als auf der Karriereleiter nach oben zu klettern.


Den Luxus, den wir in Österreich genießen – bezahlt bis zu zwei Jahre bei den Kindern zu Hause zu bleiben – gibt es in den USA nicht. Du bist voll berufstätig, dein Partner auch. Wie macht ihr das mit der Kinderbetreuung?

Wir haben eine peruanische Nanny, mit der wir total happy sind. Sie kommt in der Früh um 8.30 Uhr. Meistens mache ich die Übergabe und gehe dann in die Arbeit. Entweder komme ich oder Christian, mein Mann, dann so gegen 17.30-18:00 nach Hause. Danach steht füttern, baden, kuscheln und zu Bett bringen am Programm.

Ich ziehe aus dem Job ganz viel positive Energie. Für mich war es die richtige Entscheidung. Aber es ist eine sehr persönliche, die jeder selbst für sich treffen muss.

Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt, dir eine längere Auszeit zu nehmen oder „nur“ Mom zu sein?

Ich habe während der drei Monate zu Hause viel nachgedacht und mehrere Phasen durchlaufen. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, mir einen Job zu suchen, bei dem ich zu 100% von zu Hause arbeiten kann. Und ich habe mir auch überlegt, wie das Leben als „stay-at-home“-Mom wäre – aber nur kurz. Das war vor allem in der Zeit, in der meine Eltern für mehrere Wochen zu Besuch waren. Wie sie wieder weg waren, habe ich gemerkt, wie „zach“ es mit Kind allein zu Hause ist und es war auch der Moment, in dem ich gemerkt habe: Nein, das funktioniert für mich nicht! Ich habe viel mit meinem Mann darüber diskutiert und wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass beides keine Option für mich ist. Ich arbeite gerne im Team und brauche andere Menschen um mich herum. Von zu Hause aus zu arbeiten oder ganz zu Hause zu bleiben, das würde mich nicht glücklich machen. Ich glaube, ich bin der bessere Mensch und die bessere Mutter, wenn ich intellektuell gefordert bin. Ich ziehe aus dem Job ganz viel positive Energie. So wie es im Moment läuft, macht es richtig viel Spaß. Für mich war es die richtige Entscheidung. Aber es ist eine sehr persönliche, die jeder selbst für sich treffen muss.

 

Ich finde es trotzdem total taff, wie du euer Leben schaukelst. Was hilft dir bzw. woran liegt es, dass es so gut funktioniert?

Ich habe begonnen mehr Kaffee zu trinken (lacht). Nein, es liegt wahrscheinlich an mehreren Faktoren. Ich habe einen Partner, der sich aktiv einbringt, seine Vaterrolle sehr ernst nimmt, mithilft und auch nachts aufsteht. Wir sind einfach ein gutes Team. Außerdem genieße ich im Job eine gewisse Flexibilität, kann mir Dinge selbst einteilen und mache beispielsweise mittwochs immer home office. Und zu einem gewissen Teil ist es natürlich auch Einstellungssache. Man muss sich durchpowern. Ob ich ich 6 Monate maternity leave genommen hätte, wäre es möglich gewesen? Klar! Aber 3 Monate waren auch okay.

 

Alltagsheldin Christine Raschke mit ihrem Mann Christian und Sohn Bastiaan

 

Die Zeit, die du mit deinem Sohn verbringst, ist verhältnismäßig knapp bemessen.

Es ist natürlich nicht so viel Zeit, aber es ist Qualitätszeit. Wenn ich mit ihm zusammen bin, bin ich richtig präsent und im Moment – da werden nebenbei keine E-Mails gecheckt. „No phone in Bastiaan-Time“ ist mein Credo. Meistens gelingt mir das sehr gut, außer es steht gerade etwas Wichtiges an, dann fällt es mir nicht ganz so leicht, mich gedanklich von der Arbeit zu lösen.

 

Du stillst noch, wie machst du das?

In der Früh und am Abend stille ich ihn. Tagsüber pumpe ich ab. Das ist weniger kompliziert als gedacht. Wir haben in der Arbeit einen Meeting Raum zu meinem Still- bzw. Pumpraum umfunktioniert. Wir sind nur 12 Leute im Büro und dadurch geht das super. Und es gibt mittlerweile coole Produkte, mit denen das ganz easy ist. Die Zeiten sind in meinem Kalender eingetragen. Während ich abpumpe arbeite ich daneben am Laptop weiter, stelle die Milch in den Kühlschrank und nehme sie am Abend mit nach Hause. Und unsere Nanny gibt Bastiaan dann untertags die Muttermilch mit der Flasche.

Es ist alles Einstellungssache. Man muss sich durchpowern. Ob ich ich 6 Monate maternity leave genommen hätte, wäre es möglich gewesen? Klar! Aber 3 Monate waren auch okay.

Du arbeitest für ein Start-up. Glaubst du, dass junge Teams flexibler und toleranter sind, was die Vereinbarkeit betrifft?

Ich würde nicht sagen, dass Start-ups generell offener in diesem Bereich sind. Denn viele Gründer sind in ihren 20ern und ich kann nur für mich sprechen: Aber in diesem Alter habe ich nicht darüber gedacht, welche Rahmenbedingungen für Eltern förderlich wären. In meinem Fall ist es aber so, dass beide Gründerinnen Mitte 30 sind und eine auch gerade schwanger ist. Das heißt, das Thema ist ihnen beiden persönlich nahe und wir können hier ganz offen darüber reden. Mein Start-up hatte auch noch keine formelle Vereinbarung bzgl. Mutterschutz, daher haben wir gemeinsam eine parental leave policy geschrieben und vereinbart, dass ich drei Monate zu Hause bleiben kann. Das vierte Monate hätte ich home office machen können, ich bin dann aber sehr schnell wieder ins Büro, weil es einfach effizienter war.

 

Konntest du dich sofort wieder konzentrieren und fokussieren? Mir haben die Hormone nach der Geburt meiner Töchter  ziemlich zugesetzt.

Das kenne ich! Zum Teil war es wirklich eine ziemliche Challenge. Ich bin normalerweise super effizient, habe aber manchmal richtig lange gebraucht, um Dinge zu erledigen. Multitasking war vor der Geburt auch nie ein Problem, danach durchaus herausfordernd. Auch mein Energielevel war nicht so hoch, wie ich es gewohnt war. Allerdings bin ich gerade zu einer super spannenden Phase in die Firma zurück. Und an coolen Sachen zu arbeiten, die richtig Spaß machen, war förderlich.

Ich priorisiere definitiv anders. Natürlich gebe ich immer mein bestes, aber vom Perfektionismus habe ich mich verabschiedet. Man muss Abstriche machen, sonst bekommt man Kind & Karriere nicht unter einen Hut.

Haben sich die Prioritäten – seitdem du Mutter bist – verschoben?

Ich priorisiere definitiv anders, es muss nicht mehr alles perfekt sein. Natürlich gebe ich immer mein bestes, aber vom Perfektionismus habe ich mich verabschiedet. Man muss Abstriche machen, sonst bekommt man beides nicht unter einen Hut. Außerdem hat Bastiaan alle Stressfaktoren relativiert. Über gewisse Sachen zerbreche ich mir nicht mehr den Kopf. Ihn in der Früh zu sehen und 2 Stunden mit ihm zu verbringen, das erhellt meinen Tag und stimmt mich positiv. Ich bin mittlerweile viel zufriedener. Früher habe ich mich von Ziel zu Ziel gearbeitet. Klar strebe ich nach wie vor, aber es geht mir nicht mehr so stark darum, die Karriereleiter empor zu klettern. Erfüllung und ein Job, der richtig Spaß macht, ist mir wichtiger. Mal schauen, was die nächsten Jahre bringen.

 

Alltagsheldin Christine Raschke mit ihrem Sohn Bastiaan

 

So ganz ohne Ziele gehts dann aber doch auch nicht. Wie ich gehört habe, bereitest du dich auf den NY-Marathon vor?

Das ist richtig. Beim NYC Marathon mitzulaufen war immer schon ein Traum von mir. Ich laufe unglaublich gerne. Auf den Geschmack für längere Strecken und offizielle Rennen bin ich aber erst in meinen 30ern gekommen. Ich finde laufen sehr befreiend. Ich ziehe mir die Laufschuhe an, stopple mir gute Musik ins Ohr und los gehts. Das gibt mir unglaublich viel Energie. Und so ein Marathon ist eine gute Herausforderung. Jetzt muss ich dann zu trainieren beginnen. Ich habe die hormonellen Auswirkungen auf meinen Körper nach der Geburt meines Sohnes unterschätzt und zu schnell wieder zu laufen begonnen. Ich habe dann bewusst eine mehrmonatige Pause gemacht. Eine gute Entscheidung. Nun bin ich mental und körperlich bereit!

Was ich jeder Frau rate? Don’t try to be perfect. Be yourself. Trust yourself. Listen to your intuition.

Was sind eure Pläne, wollt ihr in den USA bleiben?

Die ewige Frage (lacht!). Mit unserem derzeitigen Präsidenten ist das so eine Sache. Ich habe mich noch nie persönlich so betroffen gefühlt von einer politischen Entscheidung. Da wir mit einer Green Card hier leben, konnten wir nicht wählen. Diese Präsidentenwahl hat gezeigt, dass das Land gespalten ist. Eine Realität mit der man sich beschäftigen muss. Ähnliche Entwicklungen sind auch in Europa zu sehen. Allerdings gefällt es uns in den USA sehr gut und wir wollen auch länger in der San Francisco-Gegend bleiben. Wir haben zwar keine Familie hier, aber dafür einen echt guten Freundeskreis und von den Jobmöglichkeiten ist es natürlich auch perfekt. Unser Wunsch ist es, weiter in den Norden zu ziehen, wo die Umgebung sehr familiär ist und es viele gute öffentliche Schulen gibt, denn so eine in San Francisco zu finden, das ist schwierig.

 

ALLTAGSHELDINNEN-WORDRAP
Wenn ich nochmal 16 wäre, würde ich:
mehr kreative Ideen verfolgen und ausprobieren. Zum Beispiel Schauspielerei, Improv-Theater, eine Gesangsausbildung. Ich habe mir immer gewünscht, singen zu können (mein Mann hat eine tolle Stimme!). Ich hätte es ausprobieren sollen, um zu sehen, ob es Spaß macht. Aber man kann ja nicht alles machen. Haha. An Improv-Theater habe ich mich dann 18 Jahre später herangewagt.
Superkräfte, die ich gerne hätte:
Alle Sprachen dieser Welt zu sprechen. Wäre es nicht wunderschön, durch die Welt zu reisen und sich mit jedem unterhalten zu können? Da könnte man sich dann so richtig in die Kultur einleben.
Was ich jeder Frau rate:
Don’t try to be perfect. Be yourself. Trust yourself. Listen to your intuition.
Mit dieser Person würde ich gerne einen Tag tauschen:
Einer Ironman Athletin, um einen Ironman zu erleben (oder zu überleben 😉 ).
Was mich aufbaut, wenn kein Licht am Ende des Tunnels sehe?
Eine Umarmung von und ein Gespräch mit meinem Mann Christian.
Mein(e) persönliche(r) Held(in):
Meine Mutter. Sie ist eine starke Person, eine tolle Ehefrau und wunderbare Mutter. Sie sieht Dinge immer von der positiven Seite. Eine Eigenschaft, die sie uns Kindern weitergegeben hat und die mir über die Jahre in vielen Situationen weitergeholfen hat.

 

Wer nachlesen möchte, was Christine und ihr Mann auf ihrer Weltreise erlebt haben, hier der Link zum Blog: www.schnitzelandvegemite.com

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