Traumberuf Politikerin? „Nur zu jammern ist zu wenig!“

Kaum ein Berufsimage ist schlechter als das von Politikern. Warum geht man trotzdem in die Politik? Und wie schafft man das als 3-fach Mama? Genau das habe ich Martina Rüscher, seit 2014 Landtagsabgeordnete in Vorarlberg, gefragt. Als Kommunikationsberaterin und Mutter von drei Jungs (14, 11 und 9 Jahre) war sie weder unterfordert noch gelangweilt. Trotzdem entscheidet sie sich für die Politik – ganz bewusst und mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Eine „Anpackerin“ im Interview über Idealismus, Menschbleiben in der Politik, „Mütter-Bashing“, die Herausforderungen der Vereinbarkeit und die Sache mit dem schlechten Gewissen.


Was hat dich dazu bewogen, in die Politik zu gehen?

Auf Gemeindeebene bin ich schon seit 2000 aktiv, da war der Schritt recht einfach. Ich bin von Tirol nach Andelsbuch gezogen und dachte mir: Wenn ich schon hierherziehe, dann sollte ich auch einen Beitrag leisten, die Gemeinde mit zu entwickeln. Ich war damals die erste über eine Vorwahl gewählte Frau und die erste nicht gebürtige Andelsbucherin in der Gemeindevertretung. Das hat mir schon Rückenwind gegeben. Im Landtag bin ich seit 2014. Damals hat man engagierte Frauen gesucht und mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte.

Um in den Landtag zu gehen, musstest du deine unternehmerische Tätigkeit ordentlich zurückschrauben. Ist dir die Entscheidung schwergefallen?

Ja, es war eine schwierige Entscheidung, weil ich mir über die Jahre eine gutgehende Kommunikationsagentur aufgebaut habe. Wenn man sich auf Landtagsebene politisch betätigt, dann hat man automatisch einen Parteistempel und das bedeutet wiederum, dass man Kunden verliert. Außerdem war klar, dass ich alle öffentliche Aufträge abgeben und auch meine Arbeit als freie Moderatorin beim ORF beenden muss. Aber ich habe dann doch relativ schnell zugesagt, weil ich an und für sich zu diesem Zeitpunkt bereits offen für etwas Neues war. Ich habe bereits 2012 begonnen, meine Agentur umzuorganisieren und Aufträge ausgelagert, um meine zwei Studien beenden zu können und mich wieder etwas „freier“ zu machen. Als die Anfrage von Landesseite kam, dachte ich: Okay, eigentlich passt das gerade perfekt. Ich wollte das Risiko eingehen: Wenn es gelingt, ist es super. Wenn es nicht gelingt, habe ich etwas dazugelernt.

Wichtig ist, dass man sich nicht in Boxhorn jagen lässt. Denn häufig ist man doch Prellbock für andere und wird alleine durch die Rolle, die man als Politikerin innehat, angegriffen.

Die Politikverdrossenheit der Menschen ist groß. Das Image von Politikern ist europaweit nicht gut, in Österreich besonders schlecht. Hat dich das nicht abgeschreckt?

Ich denke, dass es weniger eine Politik- sondern vielmehr eine Politikerverdrossenheit ist, mit der die Leute kämpfen. Der Wunsch nach Menschen, denen man vertrauen kann und die eine klare Ansage geben, ist groß. Aber ich finde, es ist zu wenig, nur zu jammern, sich zu beschweren und sich über andere zu ärgern. Daher will ich selber versuchen, es besser zu machen und etwas dazu beitragen, dass sich Systeme zum Positiven verändern. Das ist für mich innere Motivation und Ziel zugleich. Auch auf die Gefahr hin, dass man manches Mal Schimpf und Schande über sich ergehen lassen muss.

Der Moralphilosoph Clemens Sedmak hat im Herbst sein neues Buch „Mensch bleiben in der Politik“ herausgebracht. Die Liebe zu den Menschen und das Lebenlassen des Gegners bezeichnet er als politische Grundtugenden. Wie siehst du das?

Das kann ich so voll unterstreichen. Wenn man mit jemanden spricht, muss man den Menschen sehen und außen vorlassen, woher er oder sie herkommt, was er oder sie gerade gesagt hat und warum ich mich vielleicht gerade über ihn oder sie geärgert habe. Es geht sehr viel um Wertschätzung. Ideen, die von Vertretern anderer Parteien kommen, werden oft gar nicht gelten gelassen – eben weil sie von den „anderen“ kommen. Daran versuchen wir zu arbeiten. Wenn Anträge von anderen Parteien kommen, die uns gefallen, dann stimmen wir auch zu und versuchen, auf diese Weise eine neue Kultur des politischen Miteinanders zu schaffen. Wichtig ist, dass man sich nicht in Boxhorn jagen lässt. Denn häufig ist man doch Prellbock für andere und wird alleine durch die Rolle, die man als Politikerin innehat, angegriffen.

Es gibt sicherlich keine berufstätige Mama, die alles unter einen Hut bekommt, ohne zeitweise ein schlechtes Gewissen zu verspüren.

 

Du bist nicht nur Politikerin und Unternehmerin, sondern auch Mutter von drei Söhnen. Wie managt du das?

Nicht alleine, das ist einmal das erste. Ich habe einen Mann, der mich sehr unterstützt und zu dem steht, was ich mache. Ich glaube, das ist die Grundvoraussetzung. Und dann lebt meine Mutter bei uns zu Hause. Auch wenn ich nicht da bin, habe ich somit die Sicherheit, dass meine Kinder bei einer Person sind, die sie liebt. Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass sie die Jungs zu sehr verwöhnt. Damit muss ich dann als Mama fertig werden ;-). Insofern befinde ich mich in einer privilegierten Situation. Das wiederum bestärkt mich darin, mich für den Ausbau der Kinderbetreuung einzusetzen. Einfach weil ich sehe, dass viele andere Familien diese Chance nicht haben, weil ihnen die familiären Strukturen fehlen. Wir arbeiten gerade an vier gemeindeübergreifenden Kinderbetreuungseinrichtungen in der Region, die ganztägig und ganzjährig geöffnet haben und auch leistbar sind. Viele Vorarlberger Gemeinden merken, dass das einen Standortvorteil darstellt. Denn bevor Familien sich in einer Gemeinde niederlassen, erkundigen sie sich häufig, ob es eine gute Kinderbetreuung gibt.

Unter Müttern ist momentan ein regelrechtes „Bashing“ zu beobachten. Die einen werden als Egoistinnen und schlechte Mütter abgestempelt, weil sie arbeiten. Die anderen wiederum müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass „nur“ Mamasein zu wenig ist.

Hier müssen dringend Akzente gesetzt werden. Unter Müttern sollte mehr Wertschätzung und Anerkennung herrschen. Und in der Öffentlichkeit muss es uns gelingen, nicht nur vom einen oder nur vom anderen zu sprechen. Es geht um gegenseitige Zugeständnisse, um Anerkennung und um Wahlfreiheit: Egal welchen Weg du als Frau einschlägt, es ist der richtige. Wichtig ist nur, sich der jeweiligen Konsequenzen bewusst zu sein und die Verantwortung hier nicht abzugeben. Denn viele Frauen, die lange bei den Kindern zu Hause waren, erschrecken, wenn sie mit 55 oder 60 Jahren ihren Pensionszettel anschauen.

Unter Müttern sollte mehr Wertschätzung und Anerkennung herrschen. Egal welchen Weg du als Frau einschlägt, es ist der richtige. Wichtig ist nur, sich der jeweiligen Konsequenzen bewusst zu sein und die Verantwortung hier nicht abzugeben.

Berufstätige Mütter hingegen müssen damit klarkommen, Abstriche zu machen, auch wenn es meist ihr Anspruch ist, Job und Familie 100% gerecht zu werden. Wie geht es dir damit?

Es gibt sicherlich keine berufstätige Mama, die alles unter einen Hut bekommt, ohne zeitweise ein schlechtes Gewissen zu verspüren. Wenn ich bei den Kindern bin, habe ich dem Job gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil ich weiß, was ich noch alles machen sollte. Umgekehrt muss ich immer gut abwägen, wie viele Termine sich ausgehen. Ich könnte täglich 5 Veranstaltungen besuchen und das wäre auch wichtig, aber mit der Familie nicht vereinbar. Es gibt einfach Momente, da haben die Kinder Vorrang und es gibt Momente, da weiß ich, ich muss jetzt bei einer Sitzung, Tagung oder Veranstaltung dabei sein – einfach weil es zu meinem Job gehört. Das geht so lange gut, so lange es allen Familienmitgliedern gut geht und einem die Tätigkeit Spaß macht, man Freude und Motivation in seinem Tun verspürt und auch viel Bestätigung dafür bekommt.

 

ALLTAGSHELDINNEN-WORDRAP
Wenn ich nochmal 16 wäre, würde ich:
alles gleich machen. Es ist einfach cool gelaufen.
Superkräfte, die ich gerne hätte:
Fliegen können und Gedanken lesen.
Was ich jeder Frau rate:
Selbstständig sein und das eigene Leben in die Hand nehmen und selber gestalten.
Mit dieser Person würde ich gerne einen Tag tauschen:
Mit der Familienministerin.
Was mich aufbaut, wenn ich kein Licht am Ende des Tunnels sehe?
Zeit für mich und absolute Ruhe. Was aber nur sehr selten vorkommt. 😉
Mein(e) persönliche(r) Held(in):
Mein Mann, meine Kinder und meine Mama.

 

Fotocredit: privat

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