Im falschen Körper geboren: Der lange Weg von Bastian zu Valerie

Als Bastian geboren. Als Bastian maturiert. Als Bastian den ersten Abschnitt des Jus-Studiums absolviert. Mit 22 packt Bastian seinen gesamten Mut zusammen und outet sich. Seit Kindheit an fühlt er sich im falschen Körper gefangen. Fühlt sich nicht als Junge, nicht als Mann. Heute lebt Bastian als Valerie, macht gerade eine Lehre zur Friseurin und steht kurz vor der Geschlechtsanpassung. Ganz spontan hat sich Valerie zum Alltagsheldinnen-Gespräch bereit erklärt. Weil sie sich nicht verstecken will. Weil sie anderen Mut machen will. Weil sie ist, wie sie ist. Keine, die in den Vordergrund drängt oder auffallen will, sondern eine feinfühlige, reflektierte Persönlichkeit.


Transsexuell – davon spricht man, wenn physisches und psychisches Geschlecht nicht zusammenpassen. Wenn jemand mit den Geschlechtsteilen einer Frau geboren wird, sich aber als Mann fühlt. Oder umgekehrt. Genau das war bei Valerie der Fall. Ihr bei der Geburt bestimmtes Geschlecht passte nie zu ihrem subjektivem Empfinden, ihrem Selbstverständnis. Und das von klein auf. Sie bestand schon als Kind auf rosa Wände in ihrem Zimmer. Sie hatte eine Sailor Moon-Schultasche. Sie besuchte Ballettunterricht. Alles sehr untypisch für einen kleinen Jungen. Dieses Verhalten wurde nicht goutiert – weniger von der Familie, vielmehr von den Mitschülern. Es wurde ihr gesagt, wie man sich als Junge zu verhalten hat, was Jungs gerne spielen, wie Jungs zu sein haben. Sie passt sich an, fügt sich der vorgegebenen Rolle. Doch innen drinnen war und ist sie immer schon ein Mädchen bzw. eine Frau. Aber wie das als Kind benennen? Wie als 5-Jähriger erklären, dass sich „Bub sein“ komplett falsch anfühlt? Dass man lieber im Tütü anstatt im Fußballtrikot herumrennen möchte?

Wie als 5-Jähriger erklären, dass sich „Bub sein“ komplett falsch anfühlt? Dass man lieber im Tütü anstatt im Fußballtrikot herumrennen möchte?

Es gab kein Ereignis, das Valerie zu dem gemacht hat, was sie ist. Es ist keine Entscheidung, als Frau leben zu wollen. Es ist genau das, was sie seit ihrer Geburt fühlt. Seit der Kindheit begleiten sie vier gute Freunde, auf die sie immer zählen kann. Sie haben den Wandel nicht nur akzeptiert, sondern auch unterstützt. Als Kind war sie eine Außenseiterin. Heute fühlt sie sich akzeptiert, so wie sie ist. Erst mit Anfang 20 outet sich Valerie. „Es ging nicht mehr anders“, sagt sie.  Rückblickend betrachtet, würde sie es heute etwas diplomatischer angehen. Denn die Mutter war natürlich erst einmal geschockt. Es war auch nicht der richtige Zeitpunkt. Mitten in der Nacht, auf dem Weg vom Flughafen nach Hause. „Sie hatte anfangs Schwierigkeiten, mich zu verstehen. Aber ich denke, sie hat sich einfach große Sorgen gemacht“. Im Vergleich zu vielen anderen Transsexuellen wird sie von ihrer Familie allerdings nicht verstoßen. „Ich habe wirklich großes Glück. Auch wenn es für meine Familie schwierig war, steht sie doch immer voll hinter mir.“

„Ich habe wirklich großes Glück. Auch wenn es für meine Familie schwierig war, steht sie doch immer voll hinter mir.“

Die Mutter hat den Schritt mittlerweile akzeptiert. Sorgen macht sie sich trotzdem. Sorgen, ob sich Valerie in der Gesellschaft behaupten und ihren Platz finden wird. Sorgen, ob die OP gut verlaufen wird. Denn Valerie möchte auch körperlich ganz Frau sein und plant eine Geschlechtsanpassung. Kein wenig riskanter Eingriff. „Aber ich freue mich bereits darauf, wenn mir mein Spiegelbild endlich das reflektiert, was ich schon immer wusste und ich im Sommer einen schönen Bikini tragen kann.“

 

ALLTAGSHELDINNEN-WORDRAP

Wenn ich nochmal 16 wäre, würde ich: mich definitiv früher outen.
Superkräfte, die ich gerne hätte: Gestaltwandlung wäre sicher recht nützlich. Das würde eine Menge Zeit und Geld sparen!
Was ich jeder Frau rate: Sie selbst zu sein. Wobei ich das auch jedem Mann rate. Es soll und darf keine Rolle spielen, was die anderen von einem denken.
Mit dieser Person würde ich gerne einen Tag tauschen: Die Person gibt es nicht, ich bin zufrieden.
Was mich aufbaut, wenn ich kein Licht am Ende des Tunnels sehe: Ich habe vor kurzem den Film „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ gesehen. In einer Szene heißt es „Wer sich sorgt, leidet zwei Mal“.
Mein(e) persönliche(r) Held(in): Pippi Langstrumpf, denn sie macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt.

 

Fotocredit: privat

Save

2 Comments
  • Ursi
    Januar 26, 2017

    Da habt ihr aber recht, Valerie und Julia, diese Geschichte muss unter die Leute, um wieder mal zu zeigen, wie absolut normal Personen wie Valerie sind. Letztes Jahr hat mir ein langjähriger, sehr guter Freund erzählt, dass er seit seiner frühen Jugend lieber eine Frau wäre und ich war geschockt! Geschockt darüber, dass er sich aus Angst vor der Reaktion seines Umfeldes (als auch von mir) so lange nicht getraut hat, diesen Wunsch zu äußern. Es geht ihm seiner Schilderung zufolge sooo viel besser, seit er allen Bescheid gegeben hat und mir tut es unendlich leid, dass er eine so lange Zeit diese schwere Last des Verheimlichens mit sich tragen musste. Dabei ist er doch mein Freund, weil er ist wie er ist umd nicht weil er einen Penis oder braune Haare oder kurze Fingernägel hat. Ich denke, es ist eine große Bürde, im falschen Körper zu stecken, daher ist es völlig inakzeptabel, wenn sich diese Personen auch noch vor ihrem Umfeld fürchten müssen! Was genau ist denn verwerflich daran, gerne ein anderes Geschlecht zu haben???? Nur weil es selten ist, wird es ja wohl nicht automatisch zu etwas Schlechtem. Ich wünsche Valerie eine glückliche Zukunft und Leute um sich herum, die ihr ins Herz sehen und sie dafür lieben, WIE sie ist!!

    • Julia Fischer-Colbrie
      Januar 27, 2017

      Danke für deinen aufbauenden Kommentar! Ich bin völlig bei dir, es braucht absolut mehr Toleranz und mehr Verständnis. Wenn wir mit dem Beitrag einen kleinen Beitrag zur Bewusstseinsbildung leisten konnten, dann wäre das schön. Und – by the way – danke, dass du immer wieder am Blog vorbeischaust 🙂

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


14 − elf =