Veronika Borbath-Vanko: Nächstenhilfe als persönliche Mission

Eigentlich habe ich mich mit Veronika Borbath-Vanko getroffen, um mit ihr über ihre Relocation-Agentur zu sprechen. Die gebürtige Brasilianerin hilft Expats aus ihrer Heimat beim Eingewöhnen in Salzburg. Denn die stehen vor vielen Rätseln: Zu unterschiedlich die Kulturen, zu unterschiedlich das alltägliche Leben, zu unterschiedlich der Lifestyle. Aber in dem halben Jahr – in dem wir uns nicht gesehen hatten – ist viel passiert. Helfen ist zwar nach wie vor Veronikas Mission, aber in ganz anderer Form. Sie hat sich zur Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleiterin ausbilden lassen und ihr ehrenamtliches Engagement intensiviert. Und sie ist jetzt wieder mehr Mami und weniger Unternehmerin.


Wie bist du nach Salzburg gekommen?

Meine Mutter ist gebürtige Salzburgerin, allerdings mit 21 Jahren der Liebe wegen nach Rio gezogen. Ich bin hierhergekommen, um meine Tourismusausbildung zu komplettieren und meine Familie besser kennen zu lernen. Ich hatte nicht vor länger und für immer zu bleiben, aber ich habe mich dann in einen Salzburger verliebt, geheiratet und Zwillinge bekommen.

Wie sehr unterscheidet sich das Leben in Brasilien von dem in Österreich?

Das lässt sich nicht vergleichen. Die meisten Brasilianer haben einen Kulturschock, wenn sie nach Salzburg kommen. Was unter anderem auch daran liegt, dass sie meistens sehr schlecht vorbereitet sind. Wobei es mir selbst nicht anders ergangen ist. Ich kannte die heimischen Bräuche von klein auf. Nikolaussackerl und Vanillekipferl gab’s für uns Kinder jedes Jahr, trotz 40 Grad Außentemperatur – das war meiner Mutter sehr wichtig. Auch die Sprache konnte ich dank meiner Mutter recht gut und wurde bei der Eingewöhnung von meiner Salzburger Familie unterstützt. Trotzdem war es ein großer Schock für mich – auch oder gerade was die alltäglichen Dinge betrifft. Ich habe begonnen, für mich alles aufgeschrieben, um mich besser orientieren zu können.

In meinen Workshops zeige ich, wie das Leben hier funktioniert. Pflichtversicherung, blaue Zone, Autopickerl, Winterreifen oder das Kaufen eines Bustickets. Was für uns banal klingt, ist für Brasilianer völliges Neuland.

Und daraus hat sich dann eine Unternehmensidee entwickelt?

Ja, aber sehr langsam. Anfangs war es ein reiner Freundschaftsdienst. Eine Bekannte bat mich, einer brasilianischen Familie mit Drillingen, die damals gerade mal zwei Monate alt waren, das Ankommen und Eingewöhnen in Salzburg zu erleichtern. Im Laufe der Zeit sind immer mehr Anfragen gekommen und so hat sich dann ein kleines Unternehmen daraus entwickelt.

Wie schaut diese Unterstützung konkret aus?

In meinen Workshops zeige ich, wie das Leben hier funktioniert. Pflichtversicherung, blaue Zone, Autopickerl, Winterreifen oder das Kaufen eines Bustickets. Was für uns banal klingt, ist für Brasilianer völliges Neuland. Daher beinhaltet das Willkommens-Package auch nicht nur eine interkulturelle Einführung. Es wird gemeinsam die Umgebung erkundet, die Anmeldung bei der Gemeinde erledigt, Banken aufgesucht oder auch gemeinsam Bus gefahren. Das dauert, solange es dauert. Die einen haben sich in zwei Wochen eingewöhnt, die anderen brauchen meine Unterstützung länger. Die größte Umstellung ist für viele, dass sie in Österreich nicht den ganzen Tag bedient werden. In Brasilien gibt es für alles Bedienstete. Außerdem habe ich ein Schul-Package geschnürt. Denn obwohl einige meiner Kunden mittlerweile gut Deutsch sprechen, sind sie bei Schulthemen oft unsicher. Ich komme zu Elternabenden oder Sprechstunden mit, erkläre, warum man in Österreichs Schulen Patschen braucht, und übersetze, wenn die „To-bring-with“-Liste für die nächste Landschulwoche eintrudelt.

Ich habe mich zu sehr verantwortlich für meine Kunden gefühlt, war ständig erreichbar, habe mich um jede Kleinigkeit gekümmert und dabei sind meine Familie und ich auf der Strecke geblieben. Das Loslassen war nicht einfach, aber es war möglich.

Das heißt, deine Arbeitswoche lässt sich schlecht planen?

Wie meine Arbeitswoche aussieht, weiß ich im Vorhinein selten – das stimmt. Ich war bisher für meine Kunden 7 Tage die Woche, 24 Stunden erreichbar. Bereits beim Aufstehen habe ich – durch die Zeitumstellung – meistens 50 WhatsApp-Nachrichten von neuen Kunden, die noch in Brasilien sind, auf dem Handy. Ich habe mir extra den Wecker eine halbe Stunde früher gestellt, um alle Nachrichten beantworten zu können. Ich war bei Geburten und Operationen dabei, um für meine Kunden zu übersetzen. Vergangenen Sommer ist mir das ganze einfach zu viel geworden. Ich hatte eine große innere Unruhe in mir. Ich habe mich zu sehr verantwortlich für meine Kunden gefühlt, war ständig erreichbar, habe mich um jede Kleinigkeit gekümmert und dabei sind meine Familie und ich auf der Strecke geblieben. Es ist eine Blase explodiert.

 

 

Was hat sich seitdem verändert?

Ich habe probiert, die Karten neu zu mischen und alles besser zu dosieren. Das Loslassen war nicht einfach, aber es war möglich und hat mir und meiner Familie sehr gut getan. Ich habe meine unternehmerische Tätigkeit reduziert und bin jetzt wieder mehr „Mami“. Dieser Schritt war sehr wichtig. Zudem habe ich meine ehrenamtliche Arbeit intensiviert, weil mich diese Tätigkeit sehr erfüllt. Ich bin vergangenen Sommer mit der Ausbildung zur Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleiterin fertig geworden. Bereits in den vergangenen Jahren war ich im Seniorenwohnheim tätig, habe dort das Erzählcafè geleitet. Das habe ich nun abgegeben und bin in den Besuchsdienst mit Schwerpunkt „Hospizarbeit“ gewechselt. Und ich finde, ganz so unterschiedlich sind die beiden Bereiche gar nicht. Ganz im Gegenteil, es geht bei Relocation und der Sterbebegleitung um Nächstenhilfe, den Dienst am Nächsten.

Ich wollte ursprünglich im Tageshospiz arbeiten, aber dafür fehlt mir noch die Zeit und vor allem die Reife – ich bin erst im Kindergarten, was die Hospizarbeit betrifft.

Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten ist sehr herausfordernd, warum hast du dich für diesen Weg entschieden?

Ja, das ist es definitiv. Ich wollte ursprünglich im Tageshospiz arbeiten, aber nach der Ausbildung und dem angeschlossenen Praktikum musste ich feststellen, dass das mit zwei 9-jährigen Jungs noch nicht möglich ist. Denn als ehrenamtlicher Mitarbeiter beginnt man um 8 Uhr früh, geht um 17 Uhr abends wieder raus und ist während dieser Zeit auch telefonisch nicht erreichbar. Dafür fehlt mir noch die Zeit und vor allem die Reife – ich bin erst im Kindergarten, was die Hospizarbeit betrifft.

Wusstest du vor der Ausbildung, was dich erwartet?

Meine Mutter ist auch in der Sterbebegleitung tätig, insofern bin ich schon früh damit in Berührung gekommen, habe mich schon als Kind mit dem Tod auseinandergesetzt und hatte hier eigentlich auch nie Berührungsängste. Ich habe früh gelernt, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass die Menschen im Schoße Gottes ankommen. 2005 habe ich mir dann eine Auszeit genommen und war 12 Monate lang auf Hospiz in Brasilien und Thailand. Ich hatte immer schon diese Sehnsucht im Herzen, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, und dieser muss ich auch folgen. Für mich ist Nächstenliebe und Nächstenhilfe einfach ein wichtiger Wert. Meine Zeit nur für mich aufzubrauchen, finde ich zu egoistisch. Zusammen zu halten und Wege gemeinsam zu beschreiten, das halte ich für etwas ganz Essentielles.

Ich hatte immer schon diese Sehnsucht im Herzen, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, und dieser muss ich auch folgen. Für mich ist Nächstenliebe und Nächstenhilfe einfach ein wichtiger Wert. Meine Zeit nur für mich aufzubrauchen, finde ich zu egoistisch.

Wie gestaltet sich die Arbeit mit Menschen, die wissen, dass sie demnächst sterben müssen?

Die Gespräche lassen sich nicht im Vorhinein planen. Jeder Patient ist anders. Was ich mir nicht erwartet hätte, dass auch Humor und Lachen Platz haben in dieser Lebensphase.

Hilft dir der Glaube bei deiner Arbeit in der Sterbebegleitung?

Der Glaube stärkt mich schon sehr, ohne ihn könnte ich diese Arbeit nicht machen.

 

ALLTAGSHELDINNEN-WORDRAP
Wenn ich nochmal 16 wäre, würde ich:
einen Tanzkurs machen.
Superkräfte, die ich gerne hätte:
Ich hätte gerne eine Zauberformel gegen Depressionen. Und ich würde gerne alles essen können, ohne dabei zuzunehmen.
Was ich jeder Frau rate:
Hab keine Scheu davor, deine Kinder in der Früh zu segnen, am Tisch zu beten, mit dem Partner zu beten, mit den Freundinnen zu beten. Gebet und Dankbarkeit sind nicht „out“, ganz im Gegenteil.
Mit dieser Person würde ich gerne einen Tag tauschen:
Mit Lady Di, wenn sie noch leben würde. Sie war für mich schon eine große Inspiration. Wobei ich gerne einen Tag mit ihr während ihrer karitativen Arbeit in Afrika und nicht während ihrer Zeit mit Prinz Charles tauschen wollte.
Was mich aufbaut, wenn kein Licht am Ende des Tunnels sehe?
Eine Umarmung meines Mannes (keine Worte, einfach die Geste) und der Glaube.
Mein(e) persönliche(r) Held(in):
Meine Tante Doraja (Anm: „Bauern helfen Bauern“-Gründerin Doraja Eberle). Sie ist meine Ersatzmutter und auch meine Heldin. Sie misst keine Kräfte um zu geben.

www.relocation-salzburg.com

 

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3 Comments
  • Lily
    April 26, 2017

    Ein toller Beitrag. Ich bewundere Menschen die die so wichtige Sterbe- und Trauerbegleitung machen. Ich habe selber in einem Pensionistenwohnheim gearbeitet und mich hat es immer fertig gemacht zu wissen wenn jemand bald stirbt. Hut ab!!

  • Jakob Reitinger
    März 8, 2017

    Was für ein schöner Beitrag – freue mich!

    In so vielem Vorbild für uns!

  • Stephanie Merdler
    März 7, 2017

    Welch ein wunderbares Portrait meiner grossartigen Freundin!!! Alles, was Du berichtest, und die Einblicke, die Du dem Leser/der Leserin gibst, gehen sehr zu Herzen!

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